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Hôtel Particulier # Group Show | | | 2012
Initiated by Katrin Connan and Renata Palekcic Pasel

Galerie Oel-Früh

Eröffnung am Freitag, 15. Juni  2012   19Uhr      DJ:  Häh R. Tie
Finissage  am Sonntag, 24. Juni 2012   16Uhr    Special Guests: Nora Sdun, Gustav Mechlenburg, Die Roquettes
 

Die Galerie Oel-Früh wird  für den Zeitraum vom 15. bis  24. Juni   zum  „Hôtel Particulier“ von Katrin Connan, Adelaida Cue Bär, Carola Deye, Rena Donsbach, Nadine Droste, Janine Eggert, Katharina Fengler, Nadja Frank, Anna Lena Grau, Anna Gudjónsdóttir, Renata Palekcic Pasel, Eleni Mouzourou, Hannah Rath, Grit Richter, Linn Schröder, Katharina von Dolffs, Sonja Vohland und Janina Wick. 
Die Künstlerinnen sind einst in Hamburg aufeinander getroffen und haben bereits in verschiedenen Konstellationen zusammen ausgestellt.
Da viele von ihnen inzwischen in anderen Städten leben, entstand die Idee eines "Hôtel Particulier", das sich als Ausgangspunkt versteht, Möglichkeiten zur Überwindung geographischer Distanzen zu entwickeln.
Die Arbeit an einem gemeinsamen Projekt, die Aufenthalte in den anderen Städten und der Austausch von Gedanken „am anderen Ort“ schaffen eine Struktur, die bestehende Netzwerke erweitern soll. Seinen Lauf nimmt das Projekt in der Galerie Oel-Früh in Hamburg, die sich in einem Raum des Transits, an den Elbbrücken, befindet.
Sie wird zum „privaten Motel“, in dem die Künstlerinnen verweilen, weggehen und wiederkommen, um sich woanders wieder zu begegnen. Vielleicht teilen sie sich später eins in Berlin, Wien, Leipzig, New York?
„Hôtel Particulier“ bezeichnet in der französischen Sprache das Stadthaus des 17. und 18. Jahrhunderts, in dem der Adel und später auch das privilegierte Bürgertum lebte. Im Kontrast dazu wird mit der Ausstellung in der Galerie Oel-Früh ein Haus außerhalb der Innenstadt bezogen. Es ist Grundlage eines Prozesses, der das Temporäre und Zwiespältige schon inne hat und Raum für achtzehn verschiedene Interpretationen und Kombinationen gibt.
„Hôtel Particulier“ wird dicht belegt sein und bleibt zugleich offen: Skulpturen, Fotografien, Malereien, Zeichnungen, Installationen in neuen Konstellationen. Text, Gesang, Kir Royal... Wo fängt eine Performance an?
Einst luden Salondamen eine Öffentlichkeit zu Lesung und Konzert, philosophisch-politischem Diskurs oder Ausstellung in das Privathaus. Nun richten sich die achtzehn Künstlerinnen selbst in den drei Stockwerken der Galerie Oel-Früh ein. Zeigen wird sich eine Vielseitigkeit, die sich schon aus den verschiedenen Arbeitsweisen ergibt und im Umgang mit einem gemeinsamen Raum neue Perspektiven eröffnet. Die Arbeiten werden sich wegnehmen und dazu geben; Aufmerksamkeit wird überall sein.  

(Katrin Connan und Renata Palekcic Pasel) 
 
 



Ein Text von Nora Sdun:   Flucht in die Sachwerte
 

Alle Welt schwafelt von der Flucht in die Sachwerte.
Auch diese Ausstellung umspielt diese Problematik.
Hier konzentrieren sich 18 Leute auf die Sachwerte selbst. Diese Ausstellung ist nur der Abschluss einer etwa 10 tägigen Zusammenarbeit, es ging dabei nicht um die Ausstellung als Ziel, sondern während des Aufbaus um die Auseinandersetzung mit den Sachen (und mit den Kollegen).

Die Verhältnisse stehen ja bekanntlich schon seit Ewigkeiten auf dem Kopf, und auch in Zeiten wie diesen, wird sich daran vermutlich wieder einmal nichts ändern, aber die Idiotie, der man sich Alltäglich ausgesetzt sieht, wird offensichtlich oder zumindest täglich durch die Medien thematisiert, so dass man ohne weiteres ein Projekt wie das Hotel Particulier forcieren kann und sich, zumindest in den Rahmen des Projekts, einmal keine Gedanken um die Würdeformeln des Betriebs machen muss.
Diese Würdeformeln verschlingen in anderen Zusammenhängen viel Zeit und Hirn – und Geld, ja, natürlich auch Geld.

Ich erläutere jetzt mal diese Würdeformeln, um die hier bei diesem Projekt ein Bogen gemacht wurde, soweit das überhaupt möglich ist:

1. 
Gerade war ich in Basel auf der Messe, der Manifestation der verdrehten aber funktionierenden Geld- oder Kunstmarktwelt ausgesetzt. Dort ergibt sich folgende, allein dem Geld und den Abschreibungssummen geschuldete Herrschaftspyramide. An der Spitze stehen die größten Privatsammler, gefolgt von den Weltweit führenden Museen, dann kommen die kleineren Sammler, die kleineren Museen und Firmensammlungen, wie die der Deutschen Bank etc. Irgendwo dazwischen, je nach Einfluss, die Messechefs. Dann kommt eine Weile gar nichts und dann das bereits prekär arbeitende Volk der Kunstvereinsdirektoren samt Mitarbeitern in lustigem Durcheinander mit Menschen die immer mal Kunst kaufen, ohne dass sie diese Ankäufe als Sammlung bezeichnen würden. An jeder Ebene dieser nur nach investiertem Geld gestaffelten Menschenmenge sitzt wiederum eine Traube genau passender Galerien.
Das war es eigentlich, denn Künstler kommen auf einer Messe nicht vor. Und wenn doch, nur als Deko.

2. 
In dieser Kunst-Geldpyramide hat sich seit jeher ein bestimmtes System etablieren können, was in den letzten Jahren aber – und es gibt verschiedene Möglichkeiten das zu erklären – noch mal Auftrieb erhalten hat. Es handelt sich dabei um den Handel mit „Wichtigtuerei“.
Verstärkt wurde dieser Handel in den letzten 25 Jahren
a) durch die schiere Masse an bildenden Künstlern, Galerien und Projekträumen (soviele wie jetzt gab es noch nie).
b) durch das erschienen immer neuer und immer mehr Kunstzeitschriften und Kataloge, was wiederum etwas mit den massiv gesunkenen Produktionskosten solcher Druckerzeugnisse zu tun hat.
Und
c) durch die Globalisierung des Kunstmarktes, die wildernden Großsammler und den neuen Sport mit Kunst zu spekulieren.

Die „Wichtigtuerei“ setzt ein kompliziertes Spiel von Teils amüsanten, Teils ermüdenden aber unbedingt zu beachtenden Verfahrensweisen in Gang, und wenn man sie nicht beachtet, wie hier heute Nachmittag, wird man – logisch – nicht wahrgenommen.
(Ein Grund weshalb diese Ausstellung doch wahrgenommen wird, liegt schlicht an der Bündelung von 18 beteiligten Personen.)
Würde man eine solche Ausstellung wie diese in einem Galerieraum oder in einem Kunstverein realisieren, hätte man es der „Wichtigtuerei“ folgend automatisch mit außerordentlich verzwickten Presseerklärungen zu tun und ein Artists-Talk wäre nicht abzuwenden. Man würde sich dann darüber unterhalten müssen, dass diese Ausstellung ein überaus origineller Schachzug gegenüber dem Establishment ist. WOW! Die Aufbauzeit ist wichtiger als die Ausstellung und die Beteiligten kümmern sich gar nicht um die Würde des Ortes und auch nicht um das Publikum, und wie hintergründig es gibt kein Konzept. Und was das jetzt für ein Licht auf die Institutionen wirft und bla bla bla.
Entscheidend beim Austausch von „Wichtigtuereien“ ist immer der Modellcharakter, Konzepte und Presseerklärungen entstehen ja sehr viel früher als die Ausstellungen realisiert werden, es sind also Modelle und in 100% aller Fälle besteht eine naive Annahme, dass das Modell irgendetwas mit der Realität zu tun haben könnte. Was aber nicht der Fall ist. An diesem Punkt gleichen sich die Komplikationen der Kunstwelt mit denen der Finanzwelt, auch dort geht man stets von Modellen aus, die der sich entfaltenden Realität nicht sehr ähnlich sehen. Das vertrackt widerspenstige und irrationale der Realität lässt sich schlecht errechnen auch nicht von Nobelpreisträgern, genauso wenig wie die lose Zusammenarbeit von 18 Künstlerinnen im vorhinein klar einzuschätzen ist.

Trotzdem, und obwohl alle wissen dass es nichts mit den Ausstellungen zu tun hat, hat der Handel mit „Wichtigtuerei“ einen enorm hohen Stellenwert, denn es geht um Signale für die Zukunft. Journalisten, Kunstkritiker, Museums- Kunstvereinsleute, Kuratoren, Galeristen und Künstler selbst, signalisieren sich über diese „Wichtigkeits“-Kanäle ständig ihre Pläne und Hoffnungen, müssen dabei aber immer und das ist das komplizierte ihre Glaubwürdigkeit behalten.
Ist nämlich das Risiko was ein Händler von „Wichtigtuerei“ einem anbietet zu groß, ist also etwa die Ankündigung einer Ausstellung zu großsspurig, kündigt man etwa Kunstumstürzende, ach was, Welterschütternde Ereignisse an, das ganze dann aber eben zum Beispiel bei Ölfrueh oder in der Kunsthalle Hamburg erscheint einem der Anbieter als Hasardeur – der Ausstellung ist damit geschadet.
Die untere Schwelle des selben Handels ist aber auch interessant: wird das Risiko so gering dargestellt, dass es dem Abnehmer, dem Besucher der Ausstellung, nicht wehtut auch nicht zur Ausstellung zu kommen und es demnach völlig egal ist, wird der Ausstellung auch geschadet und der Händler von „Wichtigtuerei“ hätte sich disqualifiziert.

Das irre an dieser Handelstätigkeit besteht vor allem darin, dass man als Händler solcher Informationen immer abschätzen muss wie lange der Ware selbst und dem Hersteller also dem Künstler zu trauen ist, oder ab welchem Zeitpunkt beide unter der Last der auf sie gehäuften Attribute also Kredite zusammenbrechen müssen.

Es handelt sich bei dieser „Wichtigtuerei-Handels-Tätigkeit“ um kommunikativen Kredit und auch noch um vernetzten Kredit. Denn ich als Kunstbetrachter mache mir durchaus etwas daraus was andere Kunstbetrachter von dem gleichen Angebot halten. Es geht also um Anerkennung bevor man auch nur ein Fitzelchen Kunst gesehen hat. Dramatisch ist hierbei, dass man bei dieser „Wichtigtuerei“ gefahrläuft seine Intelligenz preiszugeben, da einem, wenn man alles immer bis kurz vor die Hasardeurslinie aufbläht, das Vermögen abhanden kommt etwas nüchtern zu betrachten und die eigenen Möglichkeiten realistisch einzuschätzen. (Man kann das besser und in anderem Zusammenhang bei dem Soziologen Dirck Baecker nachlesen (z.B. Womit handeln Banken, Suhrkamp), aber ich folge auch im Weiteren noch eine Weile seiner Denke.)

Wenn man jetzt mal auf die spezielle Situation dieser Ausstellung zu sprechen kommt, also: Keine rasend komplizierten Herrschaftsverhältnisse, keine unübersehbare Vielzahl an Akteuren die Interessen neben der Ausstellung verfolgen, wie etwa das Renommee der Institution zu stärken, einen Artikel beim Kunstforum unterzubringen, ein Schnäppchen zu machen, einen Sammler abzugreifen und was dergleichen mehr sein könnte. ... Dann könnte man für diese Ausstellung eine andere finanzpolitische Maxime ausgeben. Nämlich: „Interessen werden niemals lügen“, Diese Maxime entstammt dem 17ten Jahrhundert und damals war es wirklich weniger Kompliziert.
Dabei handelt es sich um die Annahme, dass man die Anderen, in diesem Fall also die 18 hier ausstellenden Künstlerinnen, als ihrer Entscheidungen Mächtige also aus eigenen Interessen Handelnde beobachten kann. Die Situation ist also nicht so verzwickt wie im internationalen Kunstzirkus, sondern es ist möglich durch Beobachtung und Analyse der jeweiligen Einzelinteressen und Werke hinter die Maske des Gegenübers zu schauen.
Das ist zugegebenermaßen jetzt auch sehr modellhaft, denn man kann nicht völlig von dem Irrsinn der einen umgibt abstrahieren und sich nur der Sache widmen, aber es wäre die Erfüllung der Maxime.
Auch hier wird kommunikativer Kredit gegeben aber der Grad der Vernetzung ist nicht so kompliziert, der Kredit ist also „sicherer“. Denn es handelt sich hier um Physisch gedeckte Interessen. Es ist das genuine Interesse an der eigenen Arbeit und Interesse an der Arbeit der Kollegen, ausgeführt von Personen die sich zumindest für diese Konstellation schlicht genug benehmen, solche isolierten Interessen überhaupt noch zu haben. Man bemüht sich hier darum, nur die Sache zu meinen und nicht sofort wieder diesen Wahnsinn der Zukunftsspekulation in Gang zu setzen.

Apropos die Sache selbst, stelle ich zum Schluss noch einen weiteren Gast dieses Nachmittags vor, es ist ein Bild von Gustav Mechlenburg, der hier und heute zum allerersten Mal ein Bild aus den 80er Jahren zeigt. Ich würde mal sagen, dass es sich dabei um die psychedelische Phase des bisher, zumindest als Künstler, völlig Unbekannten handelt, seht selbst. Man kann gespannt sein in welchem Zusammenhang ein weiteres Bild gezeigt werden wird.

Ich bedanke mich für die Einladung und wünsche gute Unterhaltungen mit Blick hinter die Maske des Gegenübers.