Skip to main content
Not Even Light Can Escape # Group Show | | | 2012

A & V Galerie  Leipzig

NOT EVEN LIGHT CAN ESCAPE
Katrin Connan   Axel Loytved   Stian Ådlandsvik & Lutz-Rainer Müller
kuratiert von Nadine Droste
im Rahmen des Projekts   Betriebsausflug  
www.aundv.org     www.betriebsausflug.cc

Katrin Connan
Sonderposten # 1-3  |  Perlen, Lack, Epoxidharz  |  2012
Impermeable  |  Stoff, Epoxidharz  |  2012

Axel Loytved
Tragetasche  |  Papiertüte, Löcher  |  2012
270841805114  |  Lederreste  |  2012

L-RM&SÅ
Daisy  |  von Kühen zertrampelte Mercedesmotorhaube  |  2010
Henriette  |  von Kühen zertrampelte Motorhaube  |  2010
o.T.  |  Rotwein, Curry, verbrannt und ausgepeitscht, Papier  |  2010

Raum: Vorhänge aus Malerfolie, Leuchtstoff  in den Fenstern ab blauer Stunde


NOT EVEN LIGHT CAN ESCAPE
Text: Nadine Droste
Wenn die Rede vom Licht ist, das sich ins Dunkle bringt, um erhellend zu wirken, dann wird damit das Licht zur behaupteten Vorraussetzung von Erkenntnis. Ein Licht geht auf und damit ist die Sicht auf jenes Etwas frei gelegt, auf das sich das Licht geworfen hat. Dass sich den lichten Momenten jedoch trügerische Aspekte hinzu gesellen, wird deutlich, betrachtet man das Licht in modifizierter Form, in der es als Schein auftritt. Dem Schein wird von jeher nachgesagt, Irrtümer zu verbreiten und über ein angenommenes Eigentliches hinweg täuschen zu wollen. Er zeigt sich im gleichen Gegenstand auf verschiedene Weisen und entzieht jenen so der Eindeutigkeit.
Doch genau daraus ergibt sich das Potential des Scheins: Indem er mehrdeutig zum Ausdruck kommt, birgt er die Möglichkeit, das Erscheinende vielfach vor Augen
zu führen.
Auf unterschiedliche Art sind den künstlerischen Positionen von Katrin Connan, Axel Loytved und L-RM&SÅ, ein Künstlerduo, das Lutz-Rainer Müller und Stian Ådlandsvik
bilden, Auseinandersetzungen mit dem Thema Schein eigen. Die Einladung, ihre verschiedenen Ansätze in dieser Ausstellung miteinander zu verbinden, hat zur Entwicklung eines gemeinsamen Raumkonzepts geführt, das die Projekt- und Hörgalerie A und V unterschiedlichen Wahrnehmungen aussetzt: Die vier über Eck gelegenen Schaufenster des Raumes sind bei Dunkelheit verhangen und lassen keinen
Einblick zu. Anhand von Neonröhren werden die als Vorhänge fungierenden Malerplanen beleuchtet und scheinen den Passierenden wie repräsentativ entgegen.
Aber die Galerie ist verschlossen und über ein Geschehen im Inneren lässt sich nur spekulieren.
Auch tagsüber sind die Fenster verdeckt und der Blick auf die Arbeiten der KünstlerInnen
bleibt versperrt. Die Situation wird lediglich durch das Tageslicht beleuchtet und es scheint, als wäre kein Ereignis zu erwarten. Doch der Raum ist geöffnet und der Betrachter gerät in eine Unklarheit darüber, ob er auch zu betreten sei.
Die Inszenierung der KünstlerInnen ist in beiden Zuständen eine Setzung, die Licht in die Ausstellung bringt, ohne sie zu beleuchten. Dies ist im Moment, in dem der Innenraum
nicht einsehbar ist und allein von Tageslicht erhellt wird, deutlich. Jedoch auch in der Umkehrung, in der das künstliche Licht auf die Vorhänge trifft und die Außenansicht des Raumes in der Nacht gestaltet, lassen sich die einzelnen Arbeiten
nur schemenhaft als Schatten erahnen. Damit sind Inszenierung und Inszeniertes zueinander
stets verschoben und entsagen dem gemeinsamen Auftritt. Diese Differenz wird erzeugt an den Vorhängen, die Beleuchtung und ausgestellte Objekte voneinander
separieren. Ihre Trennung lokalisiert sich an den Öffnungen der Wände, den Fensterscheiben, deren eigentliche Durchsicht den Ausgangspunkt bildet. Da aber Licht und Objekte auch in diesem Falle einander benötigen und sich im jeweils anderen ankündigen, bleiben sie zugleich in Abhängigkeit miteinander verbunden.
Dass das Treffen auf ein Gegenüber unumgänglich ist, deutet bereits der Titel an: Denn indem er besagt, nicht einmal das Licht könne entfliehen, trifft es notwendigerweise
auf einen Faktor, dem zu entkommen, nicht möglich scheint. In der Folge kann dies sowohl bedeuten, dass das Licht verschwindet, indem es von jenem Faktor absorbiert wird, als auch, dass es sich ihm nicht entziehen, also nicht verschwinden kann und ein Verhältnis eingeht.
Letzteres also widerfährt dem Licht in dieser Inszenierung und es sind gerade die Differenzen, die das Verhältnis ausmachen. Denn diese kennzeichnen die Relationen
der einzelnen Teile zueinander und schaffen ein Gefüge, in dem Lichtsetzung und Kunstwerke sich gerade über die Trennung hinweg aufeinander beziehen.
Folgt man nun Adornos Ästhetischen Theorie sind die Kunstwerke längst Schein, noch bevor sie in irgendeiner Form Illusionen erwecken. Hiernach sind die Kunstwerke
Schein, indem sie der Realität verschieden sind und daher das, was sie selbst nicht sein können, in modifizierter Form ins Dasein bringen. Was damit zugleich nach Außen getragen wird, ist ihr Inneres, das als solches im Außen erkennbar bleiben
muss. Das bedeutet auch, dass der Schein nicht rein auf ein Äußerliches festgelegt
bleibt, sondern Innen und Außen in ein Wechselspiel zueinander geraten.
Davon gehen Katrin Connan, Axel Loytved und L-RM&SÅ aus, wenn sie den Innenraum
der Galerie im Außenraum hervorheben und dann im Gegenzug das Innere
dem Straßenbild entziehen. Indem sie die Seiten der Fassade, ihr Davor und Dahinter, mit einer semi-transparenten Trennlinie markieren, berichten sie von der gegenseitigen Bezugnahme.
Dabei bleibt einmal das Innere der Galerie nicht nur uneinsehbar, sondern auch unzugänglich. Dann wieder ist der Raum betretbar, doch ist der Zugang nicht eindeutig,
da ihm sein Versprechen entzogen wurde. Das ist ein wesentlicher Punkt dieser Inszenierung: Das Verheißende wird an keiner Stelle eingelöst. In der Nacht ermöglicht der sich im Außen präsentierende Innenraum keinen Zutritt und das Szenario
am Tag ist bestimmt durch das irritierende Moment, ob ein Eintritt gewollt ist.
Dem Betrachter wird damit die Gewissheit genommen, er sieht sich mit Ahnungen konfrontiert und kann sich nur auf Vermutungen stützen. An dieser Stelle wird die Inszenierung zu einer Inszenierung des Scheins. Denn seine täuschende Eigenschaft eröffnet eine Unzulänglichkeit, die die Ausgangsfrage erneut aufwirft: Ist dem Anschein
zu trauen?
Am Ende seines Romans Molloy formuliert Beckett: „Dann ging ich in das Haus zurück und schrieb: ‚Es ist Mitternacht. Der Regen peitscht gegen die Scheiben.‘ Es war nicht Mitternacht. Es regnete nicht.“ Nach einem Prinzip, in dem die doppelte Behauptung den Widerspruch mit sich bringt, funktioniert hier auch der Schein. Das meint, ihn nicht buchstäblich nehmen zu können, sondern seinem Doppelsinn zu folgen, der zugleich stets Behauptung bleibt.
So erschafft diese Ausstellung zwei divergierende Ansichtsmöglichkeiten, von denen
keine der Forderung nach einem konkreten Einblick nachkommt. Denn in der inszenierten Veränderung der Ansicht liegt bereits eine Zweideutigkeit, die sich als exemplarisch für weitere versteht. Wenn sich allerdings auf die eine Situation
verschiedene Blicke werfen lassen, dann ist damit auch angedeutet, dass eine Annäherung an sie nur von unterschiedlichen Seiten her statt finden kann. Bricht man davon ausgehend auf, wird man kaum von falschen Versprechen überrumpelt werden oder gar auf Erleuchtung treffen, sondern eher einer Vieldeutigkeit gewahr.
Dass diese sich erst in der mehrfachen Betrachtung ankündigt, beruht auf der Unmöglichkeit,
die Realität als solche zu fassen. Und daraus erklärt sich auch das Scheitern, mit dem sich jedes Kunstwerk schon immer konfrontiert sieht: Um Eins, das es nicht ist, durch sich als Anderes, das es wird, zeigen zu können, müssen in ihm nicht nur Aspekte modifiziert, sondern auch abgegrenzt werden.
Da das Kunstwerk allerdings Schein ist, kann es auch über sich hinaus weisen und auf Weiteres Bezug nehmen. Daher bleibt es nicht abgeschlossen oder isoliert, sondern
in einem unbestimmten Zusammenhang mit dem Vielen. Es entwickelt schließlich
seine Möglichkeiten auf verschiedene Weisen zu sein, indem es immer wieder andere Bezüge aufstellen kann. Dabei bewegt es sich stets zwischen Irrtum und Erkenntnis, ohne zu einem von beiden schlussendlich zu führen.
Worin sich das Kunstwerk dann zeigt, ist ein Schimmer, den man bekommt in der Ahnung, hinters Licht geführt zu werden.
KATRIN CONNAN
Die Installationen von Katrin Connan beschäftigen sich mit dem alltäglichen Umgang
von Inszenierungen. Sie spiegelt Momente wider, in denen die Grenze zwischen
Innen- und Außenräumen sowie das Verhältnis von Selbstwahrnehmung und Repräsentation befragt wird.
In ihren Arbeiten stellt sie Durchsichten und Verhüllungen einander gegenüber und setzt den schillernden Glanz von Oberflächen so ein, dass eine Ahnung von den sogenannten Schattenseiten stets mitschwingt.
Katrin Connan (*1979) lebt und arbeitet in Berlin. Sie hat an der Hochschule für bildende Künste Hamburg 2008 ihr Studium der Freien Kunst abgeschlossen. Ende Februar diesen Jahres war ihre Einzelausstellung Very Important Tragedy in der Grünerløkka Kunsthall in Oslo zu sehen. In der Galerie Oel-Früh in Hamburg wird im Juni die Ausstellung Hôtel Particulier gezeigt werden, die sie gemeinsam mit Renata Palekcic Pasel initiiert.
AXEL LOYTVED
Axel Loytved greift scheinbar nebensächliche Gegenstände auf und modifiziert diese,
um ein Erscheinungsbild zu erzeugen, das sie in den Blick geraten lässt. Die Objekte und Installationen des Künstlers zeigen einem Umgang mit Materialität sowie
Oberfläche, in dem Zuordnungen und Wertigkeiten aufgebrochen werden. So sind es Werbeprospekte, Verpackungsmaterial oder Überbleibsel in Hosentaschen, die von veränderbaren Darstellungen und Wahrnehmungsmöglichkeiten berichten.
Axel Loytved (*1982) lebt und arbeitet in Hamburg. 2010 hat er sein Studium an der HBK Braunschweig abgeschlossen und war im Anschluss an der Jan van Eyck Academie in Maastricht im Bereich Fine Arts Researcher.
2006 hat Axel Loytved den Kunstverein St. Pauli mitbegründet. Momentan hat er das Arbeitsstipendium der Stadt Hamburg inne, seine Arbeiten sind bis zum 29. April außerdem im Kunstverein Wolfenbüttel zu sehen.
L-RM&SÅ
Neben ihrer eigenen Produktion arbeiten Lutz-Rainer Müller und Stian Ådlandsvik als L-RM&SÅ seit 2006 immer wieder an Gemeinschaftsprojekten. Ihre gemeinsamen
Arbeiten bilden Prozesse ab, in denen der Zufall als unkontrollierbarer Faktor stets eine Rolle spielt. So werden Objekte und Abläufe aus der Hand gegeben, um sie in einem transformierten Zustand zurück zu erhalten, welcher dann die Ausgangsbasis
für das weitere künstlerische Vorgehen schafft. Auch nach den Angaben
einer Wahrsagerin haben die Künstler bereits Ausstellungen konzipiert.
Ihre Installationen zeigen in veränderter Anordnung Elemente des Prozesses und verweisen auf Geschichten, die von Räumen und Orten, von verschiedenen Vorstellungen
und Wandelbarkeit erzählen.
Lutz-Rainer Müller (*1977) lebt und arbeitet in Leipzig. Bis 2006 hat er an der National Academy of Fine Arts Oslo und der Muthesius Kunsthochschule in Kiel studiert. An der Bergen Art Academy hat er 2003 ein Auslandssemester verbracht.
Stian Ådlandsvik (*1981) lebt und arbeitet in Oslo, wo er 2006 sein Studium an der National Academy of Fine Arts abgeschlossen hat. Ein Austauschsemester verbrachte
er 2005 an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.
Gemeinsam haben die beiden unter anderem Projekte in der Kunsthall Oslo, im Hordaland Arts Centre in Bergen sowie im MOT international in London verwirklicht
und hatten die Residency Programme W17, Oslo, und Air Bergen, Bergen, inne. Noch bis zum 21. April wird die Ausstellung Stein mit Vollausstattung / Stadt mit Vollausstattung, die in Kooperation mit Mark Pepper und Thomas Woll entstanden ist, im Dortmunder Kunstverein gezeigt.