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Das Zuwenig An Zuviel - Ein Stück für zwei Stimmen | 2007

(Auszug)


Das Zuwenig An Zuviel, ein Stück für zwei Stimmen,
von Helga Sandra-Barbara, spricht von einer Figur,
die in Geschichten eingehen will:
Als Heldin will sie sich bezeichnet wissen.
Genannt werden wird sie Johanna.
Ihr wird nachgesagt, sie hätte sich erschaffen lassen.



Helga Sandra-Barbara
Das Zuwenig An Zuviel
Ein Stück für zwei Stimmen
2007



Sie wollte ganz Figur sein, ganz Figur in irgendeiner Geschichte,
die im kollektiven Gedächtnis ihren Platz einnehmen sollte.
Von den Protagonisten jenes Gedächtnisses ließ sie sich ausbilden
und formen, um die Eigenschaften des kulturellen Guts annehmen
zu können. Man bestimmte ihre Rolle, setzte sie in Abhängigkeit
zu weiteren Figuren und gab ihr ein Publikum, das sie zur Heldin
machen sollte. Ihre Bestimmung nahm die Geschichte vorweg, deren
Überlieferung zur Bedingung die Glaubwürdigkeit hatte.
Sie wurde zu einer jener Erscheinungen, die ihren Wiedererkennungswert
darin begründen, dass niemand sie jemals zu
Gesicht bekommt: Fassbar, gleichend, beispielhaft. Indem sie Erwartungen
erfüllt, kann sie erzählen, was wir uns dachten. Ihre
Geschichte verweist auf einen Handlungsspielraum, der nicht ihr
eigener ist. In dem Maße, in dem die Figur vorgestellt wird, beginnt
wiederum sie, zu formen. Wir nehmen sie an als eine von uns
und geben ihr einen Namen:

Nennen wir sie Johannes.
Die Figur ist weiblich.
Gut, dann eben Johanna.
Johanna.

Sie also, die es mehrfach vorher schon gab, wird die eine, Johanna.
Gebildet wie sie ist, wirft sie sich in Schale, um wahrnehmbar zu
sein. Damit wird sie sich folgenreich an den Mann bringen und
weit mehr als sie selbst sein können;

einzig.

Sie ist gerüstet, an die Grenzen des Maßes zu gehen und
wird die Lüge wahr sprechen können. Aber nie wird Johanna aus
der Haut fahren, die sie bedeckt. Ihre Erziehung gebietet ihr, bei
sich zu bleiben und darauf zu hören, was man ihr sagt.

Sie wollte Heldin sein. Sie weiß nicht mehr, ob sie sich die Stimmen
ausdachte, aber die haben sich in ihre Ohren selbständig gemacht
und sind zu Persönlichkeiten, gar zu Komplizen gewachsen.
Über deren Existenz macht sie sich keine Gedanken mehr, denn sie
ist überzeugt; überzeugt etwas zu sagen zu haben, auch wenn sie
nicht immer weiß was. Die Fragen nach Realität und Illusion sind
längst nicht mehr relevant. Keine Zeit verlieren und nicht verloren
gehen: Johanna ist wie unsterblich verliebt und sicher, dass nichts
sie aufhalten kann. Sie bietet keinen Quadratzentimeter Fläche
für Zweifel. Der Zweifel soll bleiben wo das Gehirn verwäscht,
während ihr Hirn sich konzentrieren muss; denn Überzeugungen
brauchen manifeste Rezepte, wo ausgewählte Gesichtspunkte ihre
Rollen geschrieben finden.
Sie wirkt teilzeitoberflächlich, das ist nervlich verwirrend
– Johannas Überlebensstrategie. Nicht immer außer sich, aber keine
Minute in sich: Sie bleibt konstant zwischen Tür und Angel.

Der Platz, den Johanna finden wird, muss als Raum, um ihren Ansprüchen
zu genügen, einnehmend sein. Wollte sie keine Angriffsfläche
bieten, wäre sie für den Platz nicht geschaffen. Johanna aber
wird da sein, weil sie verkörpern muss: Sie tritt in Form einer Idee
auf. Sie will ihre Rede nicht falsch verstanden wissen; läge man ihr
die Worte in den Mund, sie ließe sie nicht für sich sprechen.
Sie wird handeln!
Ihre Gewissheit ist fanatisch, überzeugt von dem, was sie
nicht wissen kann. Wenn sie meint, sich von jener Stelle, auf die
sie angestellt worden ist, zu treten, fortbewegen zu können, irrt sie.
Johanna, die eine, kann unmöglich an mehr als einem Ort gleichzeitig
sein. Sie hat ihren Dienst nicht als Heilige angetreten.

Sie spinnt ein wenig und webt sich über das Gegebene hinweg;
führt ein mehrstimmiges Gespräch unter zwei Augen, eine Art
Vollversammlung mit ihren Vertretern verschiedenster Interessen.
So wie ein Ich, vielerlei bestimmt Mehrere ist, spricht jede Stimme
für sich, einzeln und für alles.

Das ist doch eindeutig.

Jede Ansicht kreist um sich selbst und führt sich vor, wird vor und
rücksichtig beachtet und profiliert sich im Bunde. Johannas
Kopf hat Tatsachen beschlossen. Verkopft nochmal, unfassbar
ist dieses Prinzip, zu verbreiten, was sich selbst widerspricht.

Ist es ihre Aufgabe nach den Sternen zu greifen?

Da muss man sich nur adäquat einstellen, mit dem dazu basierenden
Element: Bereit sein, zu scheitern. Das Scheitern ist stets dabei, da
kann es doch gleich gewinnend sein!
Heldenhaft verleiht Johanna ihren Körper der Mehrstimmigkeit
und sie sprechen im Kanon: Ikone, Ikone, Ikone. Ikone,
ein Gefäß, das gefeiert werden muss. Ist sie irre? Ja, göttlich. Die
Heimat ihrer Vision, heilig zu heißen, passt ihr gut. Sie ist toll;
der Wahnsinn ist toll, so unbescheiden und lässt sich noch strecken.
Wie soll das bloß vertreten werden? Sie setzt neue Konditionen
und gewöhnt sich das Göttliche an: Sie ist so glücklich wenn
sie göttlich ist, so leicht und so mächtig wenn sie göttlich ist; ach,
wie könnt‘ sie dem widerstehen? Hat hier irgendjemand Einwände?
Wenn das Rechtfertigen überhaupt Notwendigkeit hat, dann
ist ihr Leichtsinn Voraussetzung für einen guten Zweck. Erscheint
euch das willkürlich? Argument aus eigenem Interesse! Sie definiert:
Um unbeschränkt von den besenkten Landkarten anderer,
die begrenzten Köpfe zu retten. Seid ihr noch zu retten? Seid ihr
noch zu retten? Fixpunkt fixiert. Das Ziel ist anvisiert!
Wenn die peniblen Zeitverschwender an ihrem Gewissen nagen,
parasitär nach dem Richtigen fragen, dann kontert sie mit sarkastischer
Gegenfrage: Was soll das sein, das Richtige tun? Es ist eine
zu moralische Richtung, die es ihr nicht gilt, ernst einzuschlagen.
Nächste Frage: Ob sie ganz im Reinen mit sich sei, früge die Gesellschaft,
fragte sie. Der Gedanke an die Unmöglichkeit, im Reinen
zu sein, mit allen seinen paradoxen Zeichen, gibt ihr genug
Anlass zu trotzen, kreuzweise herauszufordern.

Eine Wahrheit?

Ein dreister Versuch! Bei wachsender Bemühung, sie ungelogen zu
finden, würde ihre Nase nur wachsen, monströs lang, bei all den
Lügen, die eine einzige Wahrheit braucht, um sich hochglänzend
aufrecht über Wasser zu halten.

Die wahre Wahrheit?

Daran war sie schon selbst fast ertrunken! Ein wahrer Lügenkatalysator
seiltanzt auf einem Gestell, das ständig einzukrachen droht;
ach, dieses Streben stünde in keinem nachvollziehbaren Verhältnis.
Sie ist Feuer und Flamme für ihre Idee, was ihr Schicksal - leider
Gottes, sagt man - später vielleicht zu wörtlich nahm.

Ein Ende ist nicht abzusehen und jede andere Behauptung wäre
anmaßend: Johanna ist nicht tot zu kriegen! Die Stimmen, die laut
werden, wollen es nicht sein lassen und mögen meinen, uns eines
Besseren belehren zu können. Lass sie reden, Johanna! Mach’ dich
nicht verrückt! So sind sie, redselig!
Johanna ist nicht festzuhalten, ohne von der Rolle zu sein.
Sie hat sich in den Kopf gesetzt, die Geschichte ihrer Person selbst
zu schreiben. Diese soll sich, ganz vereinfacht zusammengefasst,
wie folgt darstellen:
Johanna zeigt sich als eine besonders herausragende Erscheinung,
dergestalt, dass es ihr möglich ist, eine Unterscheidung zwischen gut
und böse vorzunehmen. Als eine von den Guten, wird ihre Gabe
zur Aufgabe: Sie soll das Böse der Welt vernichten. Ein Gelingen ist
gleichbedeutend mit einem glücklichen Ende. Diese Idee, die sie für
gut erachtet, nicht nur für sich, wird leicht über die Bühne zu bringen
sein. Mit den gefragten Tugenden und einer angesagten Moral,
die sie als Voraussetzungen mitbringt, wird sie auch jene überzeugen
können, denen sie es zeigen will. Sie nimmt ihr Vorhaben in Angriff.

Johanna hat keine Ahnung;

sie weiß ganz genau, wie sie ihre Idee in die Tat umsetzen kann.

Sie leiht sich einen Befehl aus von einem geglaubten Etwas, manche
nennen es manchmal Gott und übernimmt diesen Namen für
mehr Glaubwürdigkeit. Die Stimmen Gott zu nennen, kommt ihr
unpässlich vor, aber ein Idol in die erste Reihe vorzuschieben, ist
ihr lieber als in einem unmodernen Kuhstall zu verharren, in dem
Kühe als Vorwand hin und her geschoben werden, zu einer schwarzweißen
Kuhwand, die dann demontiert wird, um wiederholt montiert
zu werden - zu speckig! Und an dem Absurden, der sich immer
wiederholenden Wiederholungen, soll sie neue Aspekte finden?
Eine unmögliche Übung der Muße, in der sie zudem keine Möglichkeit
zur Erstbesetzung sieht. Die Sterne sollen nach ihr greifen.
Ihr Temperament ist Risiko. Die Nase voll von der stinkenden
Langeweile, geht sie weg, aus dem faulen Morast; zieht ins
Außerländische, in die entsetzlich gleißende Verlockung, beziehungsweise
Enttäuschung.

Täuschung?

Enttäuschung!

Sie spielt zehn Schuss mit den Erwartungen, die brav in einer Reihe
Spalier stehen. Bei jedem Schuss blitzt sie auf: Johanna, ein Selbstportrait!
Aber, heilige Narzisstin, da ist ein Haken im Abbild ihrer
selbst gezeichnet. Der Name im Titel, es sind zwei!

Ein Doppelportrait?

Es ist dieser Gott. Nicht wenig gekränkt, in seinem Namen zu
denken, echauffiert sie sich: Das ist Amputation ihrer Person. Wie
immer geprägt man ist, man hat doch Recht auf Autorenschaft!
An dem Tag, an dem sie den Stolz nicht mehr kennt, weil der Charakter
vogelfrei fliehen muss, wird ihre Welt zu Grunde gehen!

Sporadisch rastet sie ein bisschen aus.

Rastet bald wieder ein. Nun, in oder als charmante Begleitung eingehakt,
muss sie sich mit ihm arrangieren. Ein Kompromiss und
eine Ordnung. Sie verheiratet sich selbst mit ihm, dem imaginären
Allmächtigen. Als Zeichen trägt sie ein Medaillon; die Medaille
hat zwei Gesichter: Ihre Vorstellung gibt ihr Macht, ihre Person
zahlt mit Gehorsam.

Wie hoch der Preis ist, steht noch zur Debatte.

Dieser Vertrag ist deutlich, aber was bedeutet das? Wird sie ihren
Vorstellungen freiwillig dienen und stets obligatorisch-gut-gelaunt
folgen müssen?
Wer regiert hier und wer repräsentiert?
Außerhalb dieser Kopfehe will sie wohl beides tun und
wird sich dafür retuschieren müssen. Ihre Eitelkeit ist noch nicht
eingekleidet: Zu unpräzise hängt sie in einem wirren Gewand ohne
Konturen. Es gibt noch viel zu tun, um Johannas Haltung zu definieren,
in der sie einmal Halt finden soll. Ein Kostüm bekommt sie,
konfektioniert nach Maß, auf ihren Leib verpasst; ein Panzerkleid.

In kaum einer Hinsicht eine weibliche Toilette.

Nun, sie zeigt sich als Kriegerin. So ist der Anlass zu ihrer Maskerade
ein praktischer und doch bringt er Johanna ein gewisses
Vergnügen: Unbequem, aber geachtet ist die Rüstung, die verbirgt,
um auszustellen; sie bietet ihr Spielraum, aus dem sie gar
vulgär tönen und dabei mehr als für voll genommen werden
kann. Sie will Eindruck schinden mit ihrem Fähnchen im Wind.

Aber das gewisse Etwas fehlt noch, die Krönung:

Wäre sie die Heldin, würde ihr der Ruhm zuteil. Edel
oder nicht, der Ruhm ist ein Schmuck, den es zu besitzen gilt; kann
sie doch nur in Begleitung auffallen. Der Schmuck könnte in die
Geschichte aufgenommen und postum in der Ewigkeit funkeln. Zu
Lebzeiten muss sie den Ruhm mit Gott - Herrgottnochmal - teilen.
Es ist zuwenig an zuviel, aber auffallend genug.

Johanna war gewillt, sich zu versprechen und glaubte dem Wort
Ja. Sie gab es dem Einen, der ihr die Stimme verlieh, die sie erhob.
Johanna hatte sich selbst zur Auserwählten erkoren, um weit
weniger Frau sein zu müssen. Sie, die ihre Haarpracht nun unter
der Haube verborgen wusste, brauchte sich über eine Frisur keine
Gedanken mehr machen. An seiner Seite, konnte sie die Haut, in
der sie steckte, bekleiden und das Kostüm stand ihr ausgesprochen
gut. Der Blöße hatte Johanna sich entledigt, das hatte sie geschafft.
Mit einer besseren Hälfte in der Hand, war sie ein ganzer Mensch
geworden: Sie war nicht mehr mit ‚Fräulein’ anzusprechen.
Johanna hatte sich in Position gebracht und ließ sich nichts
nehmen. Man sagte ihr nach, sich zu behaupten: Sie hätte ihren
Kopf, sie wäre nicht ohne! Letztendlich fehlte es Johanna an nichts.
Sie hatte sich gut einrichten lassen und kam beflissen ihren Aufgaben
nach. Eine ganze Menge hatte sie sich schon erarbeitet.
Eigentlich muss es heißen: Eine ganze Menge hatte sie für sich gewonnen.
Johanna führte die Menge an. Sie führte einen Kampf um
den Sieg. Einen nach dem anderen.
Johanna wusste wie ein Sieg auszusehen hatte, eine Sache
für die es zu kämpfen galt, ließ sich immer irgendwie finden. Sie
hatte die Wahl, Gründe gab es genügend. Und ein Sieg zeichnete
sich dadurch aus, als Siegerin hervor zu gehen. Johanna nahm, was
sie nie zu kriegen gedacht hätte, verleibte ein und wurde mehr. Sie
wuchs über sich hinaus. Mit der ihr verliehenen Stimme formulierte
sie Befehle und ließ sich beim Wort nehmen. Eine derartige
verbale Einschränkung erschien ihr der Einfachheit halber nützlich.
Johanna konnte sich beim besten Willen keinen Reim mehr
auf das Wort Mühe machen. Als Fleisch gewordener Einfall hatte
sie sich noch längst nicht ausgeführt.



[...]





Was macht man, wenn einfach nichts passiert, obwohl es doch das
Mindeste ist, das man ständig erwartet? Dem Helden, in unserem Falle
der Heldin, dürfte es gewisse Probleme bereiten, wenn die Handlung
zu Gunsten einer Vorstellung ausbleibt. Dies ist nicht der Stoff,
aus dem Helden gemacht werden.
Neben der Tatsache, dass hier die Heldin selbst nicht zu retten gewesen
ist, weil man sie keine einzige dazu notwendige Tat hat ausführen
lassen, ist sie nicht einmal zu Wort gekommen. Und das,
obwohl die Sprache nun wirklich nicht mit sich hinter dem Berg
gehalten hat. Die Heldin ist, und an dieser Stelle muss ihre Stimme
wohl doch zitiert werden, ‚super-sauer’ und bezichtigt uns des
Rufmordes. Ob ein Drama sich noch einmal abwenden lässt, wird
sich zeigen. Es ist jedoch anzunehmen, dass Johanna davon absehen
wird, mit uns kurzen Prozess zu machen. Denn – und mit dieser
Behauptung werden wir uns aus der Affäre ziehen – zu einer Aussage
ist sie nicht fähig.
Johanna weiß genau, warum sie uns jenes sagen lässt: Mit
jedem Wort, das sie spräche, wäre sie zu fassen. Johanna aber lebt
davon, sich ausdenken zu lassen, auf welchem anderen Blatt auch
immer ihre Geschichte geschrieben steht.

Dass der Scheiterhaufen nach scheitern klingen muss, das ist eine
unbeschreibliche Frechheit. Da drehen die Henker den Spieß um
und unterstellen den Verbrannten, sie seien gescheitert. Johanna
meinte niemals, versagt zu haben, denn sie hatte sich gewöhnt,
verwöhnt zu sein, göttlich und gehört zu werden, als spräche sie
Wahrheit. Ohne ihr Ziel je in Frage zu stellen, glaubte sie an ihre
Geschichte.

Written by Katrin Connan and Nadine Droste
(Helga Sandra-Barbara)