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Faltenrock Unfassbar_Text | 2008

(Auszug)

Faltenrock Unfassbar
Vor- und Zusammen-hänge in Falten

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Inhalt

I. VORHÄNGE, ZUSAMMENHÄNGE- IN FALTEN
Verstrickungen der Aspekte in Material und Geist - Sache der Perspektive - Realität und Vorstellung - Zur Ästhetik eines VorHangs - Schleier, Theatervorhang, Faltenrock- Trennung - Komplexität - Material - Oberfläche - Ordnungen - Widersprüche - Umkehrung - Narzissmus - Variabilität - Ortspezifik

II. VORSTELLUNG und VORSTELLUNG:
Allusions à (Assoziatives) - Spielraum - Vorstellung - Vor, zu, hinter, in einem Vorhang - Zum Spiegel.

* Zur Ordnung des Inhalts:
Aspekte werden zunächst einzeln und formal vorgestellt , in weiteren Ordnungen mit anderen verknüpft und zeigen sich schließlich im Verhältnis. In den folgenden Assoziationen beziehe ich mich auf Allegorien, Falten von der Falte, um Gesichtspunkte aus verschiedenen Perspektiven an Schnittstellen zu bündeln und ihre Auseinandersetzung zu kommentieren.
Das Zeichen / steht für den Sprung zu einem benachbarten Aspekt.


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I. VORHÄNGE, ZUSAMMENHÄNGE- IN FALTEN
Phänomenale Systeme und fantastische Probleme Materie und Geist.

Wenn zwischen Materie und Geist unterschieden wird, dann scheint es mir sinnvoll, sie nicht als voneinander unabhängige Teile, sondern wie Leibniz sie beschreibt, als in Monaden zusammenhängende Einheiten zu betrachten. Die Welt der Materie und die Welt des Geistes sind also zusammen eine Welt aus einem Stoff. Stoff in beiden Sinnen des Wortes, einem materiellen und einem ideellen. Dieser Stoff hat, je nach dem aus welcher Perspektive er betrachtet wird, andere, sichtbare und unsichtbare Eigenschaften. Er liegt in Falten, die den Raum stellenweise und zeitweise verdecken und offenlegen. Die „Faltungen der Materie“1 sind leichter zu beschreiben, da sie von den dominanteren unserer Sinne, dem Seh- und Tastsinn zu sehen und zu begreifen sind. Die „Falten der Seele“2 sind nur vorzustellen, aber sie lassen sich oft durch Allegorien, Bildern aus den Faltungen der Materie erzählen. Sie haben unfassbare Formen, aber sie ähneln vielleicht Geflechten in Tressen, im Gewebe, im Stoff; die unendlich weitergesponnen werden können. Bei der Orientierung in der Falte ist gewiss eine Gratwanderung und ein Tiefgang in Kauf zu nehmen, eine Wanderung die zum Zweifeln bringt. Der Zweifel bringt großzügigere Lösungen und Meinungen mit sich, aber die inbegriffene Vielfalt an Interpretationen will nicht verwechselt werden mit einer globalen Relativierung, sondern sie will berücksichtigt werden, um zu einer präzisen, ausgewählten Position zu führen. Realität und Vorstellung. Da hier in Falten gedacht wird, nehme ich Abstand von der linearen Denkstruktur, die sich seit Descartes im Abendland durchgesetzt hat; einer Denkgewohnheit, in der nur der Verstand die Wahrheit findet. Die einst erkannte Tatsache, daß gezweifelt bzw. gedacht wird, ließ auf die Existenz zurückschliessen. Es galt den Zweifel aber durch den Verstand zu überwinden; was dazu führte, daß alles andere, was sich außerhalb des Verstandes befand, in den Hintergrund geriet. Neben dem vernünftig Denkbaren fehlt die Verknüpfung zu dem, was empfunden wird; zu den von dem Seelischen ausgehenden, irrationalen Vorstellungen. Die Logik aus Descartes´ Erkenntnis „cogito ergo sum- ich denke, also bin ich“, ebnet einen weiteren Weg und könnte übertragen werden auf: „Ich träumte, also bin ich“, oder „ich fühle, also bin ich“. Nachdem zur geistigen Erscheinung des Denkbaren, unter den Ausdrücken der Seele auch das Fühlbare hinzugezählt wurde, wurde dem Zweifeln auch im Raum des Unbewussten Platz eingeräumt. Wie die Surrealisten es darstellten, macht das „Jenseits des Realen“ , das Traumhafte, das Unbewusste einen erheblichen Teil des Lebenden aus. Entwickelt sich das rational Denkbare im Bewussten, und das phantastisch Vorstellbare auch aus dem Unbewussten, dann kann man von zwei Realitäten sprechen, die kohabitieren und nicht immer auseinanderzuhalten sind. Da wo die Phantasmen und die Phantome sich in Form von Trugbildern, Hirngespinsten und Wahngebilden aufhalten, das sind die Grenzbereiche, in denen Phantasien und Realitäten verwechselt werden. Ist unter dem Imaginierten all das real, was „bemerkt“ wird, das zwar visuell unsichtbar ist, aber als geistiges Phänomen erkannt wird? Wenn alles Denkbare, was “ in Bezug zu etwas wahr ist“3, real ist, dann müsste nicht nur das vom Sichtbaren ausgehend Nachvollziehbare, sondern auch das vorgestellte Unsichtbare soweit real sein, wie die Einbildungskraft reicht, um ein wahrgenommenes Zeichen in einen Bezug zu etwas zu setzen. Das Reale kann sich durch das Weiterforschen und neu denken immer weiter entwickeln. Denn das, was wir zu denken fähig werden, wird real. Das Weiterdenken in der kohärentenVielfalt der Möglichkeiten, Realität aufzufassen, nämlich in dem gespannten Netz der geistigen und körperlichen Wahrnehmung, des Denkens und der Phantasie, bietet eine unendlich weit reichende und qualitativ reiche Freiheit.

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Zur Ästhetik des Vorhangs in verschiedenen Rollen und Dimensionen.
Schleier, Theatervorhang, Faltenrock.

Trennung.
Ein Vorhang trennt einen Raum von einem anderen. Eine unendlichfach multiplizierte Linie legt sich deckungsgleich übereinander in die Höhe und definiert zwei Räume: Den Raum davor und den Raum dahinter. Oder anders herum gesehen wäre „der Raum davor“ nun „der Raum dahinter“ und „der Raum dahinter“ wäre „der Raum davor“. Durch die krumme Linie im Stoff entstehen viele kleinere Zwischenräume (Falten). Der Stoff impliziert und expliziert Aspekte. Schließt Aspekte ein und drückt andere aus. Abgesehen davon, dass das Innere und das Äußere je nach Position bzw. Perspektive interchangiert, fragt sich bei der Definition des Inneren und Äußeren ausserdem, ob die Oberfläche, die trennt, also das Äußere des Inneren, nicht auch zum Inneren gehört. / Ist ein Vorhang nur Fläche vor dem Verborgenen? Ist er die Oberfläche des Verborgenen, wie eine Maske vor einem Gesicht, eine Verkleidung? Oder wie ein Gesicht vor einer Person, wie die Form eines Inhalts? Das äußerst Sichtbare. Die Grenze zu Etwas? / Die Oberfläche, vom Wortgebrauch her, in ihrem Wahrheitswert weniger als das Innere. Grenzwertig. Da kann man sich fragen, ob es im Falle des Wertes notwendig ist, zwischen dem Inneren im Sinne des Eigentlichen und dem Äußeren im Sinne von Hülle zu unterscheiden. Denn hat die Oberfläche nicht die Form des Unsichtbaren, des darunterliegenen Körpers, Raumes, Inhalts, und ist sie nicht ein Teil davon? Diese Form ist Form des Inhalts und Inhalt zugleich. Die Oberfläche kann für voll genommen werden. / Wie soll getrennt werden zwischen Schein und Sein? So wie der Schein scheinbar den Betrug in sich trägt, so wurde der Erscheinung auch lange nicht geglaubt. Die Erscheinung war nur vor das Seiende Gestelltes, „ce qui n´est pas l´être“4; „das, was nicht sein ist“; „elle n´avait rien d´autre être que celui de l´illusion et de l´erreur“5. „Sie hatte kein anderes Sein als das der Illusion, des Irrtums“. Wenn nicht mehr an das wahre „Sein hinter der Erscheinung“6 geglaubt wird, dann ist die Erscheinung sich selbst genug. Das Phänomen ist in seiner Erscheinung sich selbst. / Der Vorhang trennt das Sichtbare vom Unsichtbaren. / Der Vorhang ist ein Vorhang. Und weiteres ist er im Kontext: Der Vorhang beinhaltet das, was möglicherweise dahinter geschieht. Er impliziert das Spektakel. / Theatervorhang. Die Trennung von Wirklichkeit und Schauspiel? In dem Fall des Theaters, wo die Wirklichkeit von einer vor-gestellten Realität durch den Vorhang scheinbar getrennt wird, wäre die Vorstellung/ das Schauspiel die vorgeschlagene Illusion. Die Vorstellung wird abgelöst durch eine bewusste Vorstellung im Sinne von Theater-Aufführung. Da werden Ideen „phänomenal“ vorgestellt. Doch im zeitgenössischen Theater hat das Schauspiel den Anspruch auf Authentizität; auch wenn es nicht improvisiert, sondern inszeniert und geprobt ist. Es verzichtet zunehmend auf allerlei „kopierte“ Illusionen und Symbole und arbeitet teilweise dokumentarisch, realistisch oder bewusst übertrieben künstlich; jedenfalls ist es jetzt real. Nun führt das in die Bredouille, zum schwer zu messenden Authentizitätsproblem: Trotz Verzichts auf einen trennenden Vorhang und trotz einer die Bühne überbordenden Inszenierung bleibt das Schauspiel eine Realität für sich, im Vergleich zu einer anderen. Was nicht heißt, dass die eine Realität authentischer sei als die andere. / Komplexität. Der Vorhang fächert einen Raum der Möglichkeiten auf. Der Stoff, aus dem der Vorhang ist, wirft Falten und diese bilden ein Knäuel aus Aspekten. / Die Falte umfasst die Gesamtheit aller Zeichen, die ein Gesamtbild ergeben, das durch alle erdenklichen Perspektiven nicht gleichzeitig zu fassen ist. Eine Form für das Unfassbare ist nicht zu finden, aber sie kann vorgestellt werden, als eine Falte, die beweglich, je nach Beschäftigung mit ihr, verschieden gefaltet und entfaltet werden kann. Es entsteht in der Ent-/ Faltung eine Dynamik in verschiedenste Richtungen, ein Prinzip, das bei der Suche nach Wahrheit das Akzeptieren von einer Wahrheitsvielfalt voraussetzt und die Vielfalt von nicht unbedingt sichtbaren, sich entfaltenden Aspekten berücksichtigt. Dieses Prinzip beschreibt Eva Meyer allegorisch anhand des Schleiers: „Und so könnte gut ein Schleier sein, was vielleicht Anschaulichkeit behindert, mindestens aber genauer ist, wenn es um die Unterbrechung der immer gleichen Behandlung geht, mit der sich das Ich „heimisch im Unheimlichen“ fühlt und seine sinnlose Angst „religiös oder psychisch“ bearbeitet. Es ist angesichts des Schleiers, daß die Bildungsfähigkeit auf historisch kontingente Fakten stößt, die nicht für Ansprüche auf Wissen um unser Selbstbild zu gebrauchen sind, weil es die Wandlungsfähigkeit unserer selbst ist.“7 „Der Schleier ist kein erklärbares Motiv, das sich im Sinne der Kausalität schon ausgewirkt hat, bzw. noch auswirkt, sondern eine noch nicht realisierte Möglichkeit des Lebens.“8 / Material. / Inspiration: Das Material ist eine Inspiration für den Geist zum Erhalt von Ideen: Parallel zur Struktur des Materials existiert die Struktur des Geistes, die aus beiden ein Drittes kreieren (entwickeln) kann. „Die Materie ist marmoriert, die Seele ist marmoriert, beides auf unterschiedliche Weise“9. Aus beiden zusammen kann eine Marmor-Skulptur entstehen. / Provokation: Materialien und ihre Eigenschaften provozieren den Blick und seine Richtung: Blickdichte, transparente, semipermeable Materialien wirken sich auf die Sichtbarkeit und die Unsichtbarkeit der Dinge aus. Sie verweisen auf Verhaltensweisen. Zum Beispiel: Der Schleier verführt zum Unsichtbaren. Der verschleiernde Stoff weckt Neugierde, Sehnsucht, täuscht, inspiriert zu Flucht, Fantasie, ist Projektionsfläche aller Möglichkeiten, Illusion. Das Unsichtbare verlockt unheimlich. Der Stoff hat ein kontrastreiches Potential von furchterregender und anziehender Wirkung. Plissee bietet sich zur Entfaltung an. Der Faltenrock impliziert Aspekte wie Kleidung, Intimität, Komplexität; Er ist explizit die Form des dahinter seienden Körpers. Außerordentlich einladend. Spiegel verführt dagegen zum Sichtbaren. Bedient den Narzissmus, entzückt, täuscht und enttäuscht, lenkt die Blickrichtung um, knickt und wirft zurück. / Oberfläche. / Opazität Der Vorhang ist opak. Der Blick von dem einen Raum in den anderen hinter den Vorhang wird nicht durchgelassen. Der andere Raum ist der des Unsichtbaren. / Transparenz. Ähnlich durch die Blickunterbrechung/-störung/-behinderung, aber im Unterschied zum opaken Stoff ist der Schleier durchlässig. Er ist teiltransparent, gewährt also einen zwar unklaren, aber möglichen Einblick. / Das Unsichtbare kann sich mit allen Fragen schmücken und bringt einen zum Spekulieren. Der Blick des Unsichtbaren, den man spürt, aber visuell nicht erfassen kann irritiert, reizt, da er sich nicht verorten lässt. / Flexibilität. Die Oberfläche ist beweglich, formbar und kann sich einem Umfeld anpassen, wenn sie behandelt oder in die Hand genommen wird. / Der Vorhang birgt Nischen in sich, da, wo er das Sichtbare ausschließt. / Bei Clérambault´s Faltenstudien gilt die Faszination dem Studieren des Stoffes, wie er auf einen Körper fällt und der Umhüllung des Objekts, da er abzeichnet, ohne sichtbar zu machen. Dieses indirekte Zeigen reizt in seiner Ambivalenz erst recht und verweist auf ein möglicherweise noch Reizvolleres. / Ordnungen. Unordentlich erscheint der Verlauf der Linie, die der Vorhang zeichnet. Regelmässig ist die Wiederholung von konvexen und konkaven Kurven. In ihren Abständen und Tiefen sind sie jedoch alle unterschiedlich. / Chaos >System , Neues Chaos>Neue Systeme Wenn ich von einem Chaos ausgehe und die daraus gewachsenen Systeme zur Bedingung nehme, dann können Ordnungen zur Orientierung verhelfen. Ich denke Ordnungen von den Dingen ausgehend; wobei die hergestellten Ordnungen wiederum die Dinge gewiss auch beeinflussen. Die Ordnung und die Dinge stehen also in einem reziproken Verhältnis. Beim Perspektivwechsel in Raum und Zeit jedoch, verlasse ich die bisherigen Ordnungen und sortiere die Dinge nach anderen Gemeinsamkeiten und Unterschieden in neue Kategorien. Der Faltenrock, je nachdem wo und von wem er getragen wird, gehört er in Karo dem Schotten, in grauer Wolle dem Schulmädchen, in weißem Jersey der Tennisspielerin, überknielang und schwarz der Klavierlehrerin und ist unterzubringen in den Kategorien Tracht/ Männerbekleidung, Uniform oder Frauenbekleidung. / Widersprüche. Der Faltenrock ist brav. Der Faltenrock ist frech. Wenn das eine wahr ist und das andere auch und beide jeweils das Gegenteil des anderen sind, dann gibt es einen Widerspruch. Ein Hinweis darauf, dass die Aussagen aus zwei verschiedenen Perspektiven bewahrheitet wurden. Der Faltenrock ist unter verschiedenen kulturellen, modischen, historischen, traditionellen Gesichtspunkten mal akkurat, sorgfältig, fein, mal spießig, mal angesagt, mal altmodisch, lächerlich flattierend, schmeichelhaft oder beleidigend, skandalös. Zusammenhangslos, nebeneinandergestellt, scheinen die zwei sich widersprechenden Sätze durch diesen gekürzten, spärlichen Kontext absurd. Stellt man sie in einen präziseren Kontext, werden ihre Wahrheiten im Zusammenhang mit anderen Aspekten nachvollziehbar. Die Widersprüchlichkeit der Wahrheiten (der Plural von „Wahrheit“ impliziert schon den Widerspruch) ist die logische Konsequenz der Unfassbarkeit, der zwar utopischen, aber absoluten Wahrheit. Dabei umfasst die absolute Wahrheit alle erkannten und noch nicht erkannten Wahrheiten. Da man sie als Ganzes nicht fassen kann, bin ich des Absoluten überdrüssig. Wenn Elemente in Bewegung sind und sich unter dem Einfluss von verschiedenen Bedingungen wechselnd verhalten, kann es sein, dass sie in ihrer Veränderung nicht rechtzeitig wahrgenommen werden und also nach überholten Eigenschaften eingeschätzt werden. Im Verhältnis zu anderen Elementen oder zu sich selbst widersprüchlich erscheinend, ist ihre Wahrheit bloss an die Zeit und den Ort gebunden. Chamäleons sind grün, Chamäleons sind rot, semipermeable Spiegelfolie ist opak, ist durchlässig, Tüll ebenso, das Meer ist steinhart, das Meer ist weich. / Umkehrung. Der der Unsichtbarkeit gegenüberliegender Aspekt ist der der Sichtbarkeit. / Material: Im Gegensatz zum absorbierenden Stoff ist der Spiegel glatt und reflektierend, den Blick auf sich ziehend und selbst seinen Blick auf den Betrachter richtend. / Das Dahinter: Beide, Spiegel und Vorhang bergen einen Raum dahinter. Bloß ist der gespiegelte (im Spiegel sichtbare, scheinbar mit dem dahinterliegenden Raum kongruente) ein anderer als der, der jeweils dahinter ist. / Blickrichtung: Ist der Spiegel unter dem Gesichtspunkt der Blickrichtung das Gegenteil des Stoffes? Zumindest ist das Bild im Spiegel spiegelverkehrt. Und sieht man im Spiegel sich selbst sich sehend, dann ist der Blick zum Spiegel hin und im Spiegel um-gekehrt, zurück zu einem selbst. / Lacans Verweis auf das „sich sich sehen sehend“ in dem Gedicht die junge Parze von Paul Valéry, das die Verdoppelung des eigenen Blicks durch das sich spiegeln beschreibt, finde ich hier treffend weil es bei der Vervielfältigung des Blickes ein Vergnügen erzählt. Das des erkennenden Moments, „dass wir im Schauspiel der Welt angeschaute Wesen sind.“10 „Je me voyais me voir, sinueuse, et dorais De regards en regards, mes profondes forêts.“11 / Narzissmus. „Du bist ich! Nun merk´ ich, und nicht mehr täuscht mich mein Bildnis! Liebe verzehrt mich zu mir; und die Glut, die ich gebe, die nehm´ich! Was denn tun? Flehn oder erfleht sein? Was denn erflehen? Was ich begehr´, ist bei mir; zum Darbenden macht mich der Reichtum. O wie möchte´ich so gern vom eigenen Leibe mich sondern! Was kein Liebender wünscht, ich wünsch mir fern das Geliebte! Schon entnimmt mir die Kräfte der Schmerz; (...) Trübt er mit Tränen die Flut, und getilgt von kreisender Wallung Schwand in dem Spiegel das Bild. Da es unter ihm zitternd hinwegfloh: Willst du entfliehn? Bleib, fleh´ ich! Verlaß, o Grausamer, rief er, Deinen Liebenden nicht!“12 Der Narziss aus der griechischen Mythologie hatte das Los bekommen (zur Strafe, weil er Echo nicht liebte), in sich selbst verliebt zu sein. Er konnte nicht anders als sich anzuschauen, sein Spiegelbild imWasser zu betrachten und starb an den Konsequenzen dieser zwingenden Unternehmung: Von seinem Spiegelbild angezogen und den Tod sich wünschend, zum Beenden der von seiner Selbstverliebtheit verursachten Leiden, fiel er ins Wasser und ertrank. Oder: Schokiert, von seinem durch Tränen getrübten oder schwindenden Ebenbild, sucht er das geliebte klare Bild wiederzufinden und stürzt sich in den Tod. / Die urbane Gesellschaft hat die narzisstische Gewohnheit, sich ständig im Spiegel zu schauen, sie ist trainiert, jedes Geschehen auf sich zu beziehen. Auffällig ist die Ambiguität von manifestem Individualismus einerseits und starkem Zugehörigkeitsbedürfnis andererseits: Der angestrebte Individualismus ist gekennzeichnet durch eine besonders selbstgemachte Weiterentwicklung der Persönlichkeit und des eigenen Lebensentwurfes. Zur Herstellung der eigenen Identität, also des zu-sich-selbst- gehörenden, ist die Wahrnehmung des Anderen erforderlich, um sich im Bezug dazu zu definieren, um das Ich vom Anderen abzugrenzen. Das Ich grenzt sich ab, in Abhängigkeit des Anderen. Und andersherum: Das Ich muss sich vom Anderen abgrenzen, um sich in der Gesellschaft als Individuum zu plazieren. Als definierter Teil der Gesellschaft kann es eigenständig nach Gesellschaft suchen, die durch ihre Ähnlichkeiten das Ich bestätigen. Die Verzwickung von Abgrenzung und Abhängigkeit liegt wie ein Zwang dem gesellschaftlichen Umgang zugrunde; und spitzt sich zu, wenn die narzisstischen Züge in der Gesellschaft so verstärkt werden, bis sie sich in allen „menschlichen Interaktionen“ bemerkbar machen. Richard Senett spricht gar von einer „Charakterstörung“, einer „Selbstbezogenheit, die nicht mehr zu erkennen vermag, was zur Sphäre des Selbst und der Selbst-Gratifikation gehört und was nicht.“13 Dazu kommt die ständige Frage nach der „Relevanz“ der Aussenwelt für das Selbst, die zu einer verschärft kritischen Wahrnehmung führt und auch zu einer hohen Erwartung, die nur noch schwer zufrieden zu stellen ist. „Der Narzissmus besitzt also die doppelte Eigenschaft, die Versenkung in die Bedürfnisse des Selbst zu verstärken und zugleich ihre Erfüllung zu blockieren.“14 / Variabilität. Die Form und die Beschaffenheit des Vorhangs lässt sich in seiner Grösse, Dichte, Faltung und Rolle variieren, um auf ortspezifische Bedürfnisse einzugehen. Vor dem Fenster, vor der Bühne, vor der Sicht, vor der Scham. Er lässt ein Spektakel erwarten oder zu wünschen übrig. / Wie bei der Frage nach dem Inneren und dem Äußeren, stellt sich die Frage der Position und der Relation zum Vorhang. Bin ich der Versteckte oder der Nichtsehende? Bin ich Akteur oder Publikum? Die Rollen des Akteurs und des Zuschauers sind zum Beispiel im Theater durch räumliche Hinweise, nämlich Zuschauertribünen und Bühne, scheinbar zugeteilt. Der Theatervorhang trennt die zwei Räume; auch wenn er nicht vorhanden ist. Er ist präsent als „vierte Wand“. Aber wie verhält es sich, wenn die Dinge sich ausserhalb dieser Abmachungen ereignen? / Wo ist der Narziss? Im Zuschauerraum oder auf der Bühne? Wer ist der Narziss? Der sich zur Schau stellende Schauspieler, der sich in das Publikum spiegelt und sich durch dessen Emotionen sieht, oder der selbstbezugsüchtige Zuschauer, der sich zu identifizieren versucht? Die Frage stellt sich hier, weil der sonst alleine vor dem Spiegel sehende Narziss, gleichzeitiger Akteur und Voyeur, nun gespalten ist. / Wenn ich den Begriff des Vorhangs aus dem Wortgebrauch des Materiellen nehme und erweitere auf einen Begriff des Geistes, also zu einem Vor-Hang, als etwas, das sich vor etwas anderes hängt, dann lässt sich die Rollenverteilung nicht mehr nur an bestimmten Orten, sondern auch an Situationen durchspielen. / Spektakel. Schauspiel und Vorstellung. Ortspezifik. „Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.“15 Das Spektakel meint hier das abgespielte Leben nachspielende Schauspiel. Dieses Schauspiel ist kein reflektiertes, für die Bühne des Theaters oder für die Leinwand des Kinos konzipiertes. Es findet nicht mehr vorrangig in den „Heterotopien“16, den „anderen Orten“, statt. Die Hüllen sind gefallen. Der Vorhang hat seine Materialität verloren und ist aus den Häusern ausgezogen. Die Grenzen sind aufgehoben zwischen dem ortspezifischen, vorgestellten Spiel und dem überall stattfindenden, reellen Leben. Die Fassaden in der Architektur wurden im Material zunehmend transparenter. Es gibt scheinbar nichts zu verbergen. Denn das, was versteckt werden will, wird nun anders unsichtbar gemacht. Es wird überspielt. Auch der Kleidungstrend tendierte eine Weile zum „Hauch von nichts“. Nun wird die Gesellschaft von den kostümbildnerischen Lebensart-Magazinen eingekleidet. Für jede auszuprobierende Identität gibt es das adäquate Kostüm, um sich passend in die just entstandene Vorstellung, auf den Bühnen des Lebens zu begeben. Das Kontemplative, das in den Theater- und Kinosesseln Platz hatte, ist zu einer allgemeineren Körperhaltung geworden, einer passiven, voyeuristischen, konsumierenden, müden, einer Ent-haltung. Das zum Wechselspiel der Schau gehörende Exhibitionnistische hat sich zu einer Institution entwickelt, die unter dem Anpreisen von Realität entfremdet, dabei alles andere als eine kreative Realität erfahren lässt, da es nur noch Mustern folgt, die die Vorstellung der vorangegangenen Spektakel bedienen. Man spielt vor, und wartet überall darauf, dass einem der Vorhang sich öffnet.

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II. VORSTELLUNG und VORSTELLUNG

Zum Vorhang

Le rideau fait allusion à- une robe, un monde qui se replie, devient pochette, plie et replie encore et davantage- une cachette Vorgestellte Probleme den echten Problemen vorstellen. -und dann, welche sind die echten Probleme?
Vorhang.Vorsicht. Maßnahme.
[...]
Auch Facettenaugen wie die der Fliegen -auch grössere- genügten nicht um alles zu sehen. Denn nicht nur alle Erdoberflächen nicht nur all das All – insgesamt- würden teilweise verpasst werden; auch in die Tiefen, in die Wellen -oder in die Babuschkabäuche- sehen die Augen nicht gleich hinein.

Es ist kein Spektakel gegeben. Es wird nichts gebeten, es wird nichts geboten. Es wird geboten, sich vorzustellen.
[...]
Vor dem Vorhang die Vorstellung von der Vorstellung hinter dem Vorhang. Verführung eines imaginären Publikums. Davor stehend, vor dem Vorhang, auf Augenhöhe mit dem Stoff. Höchstens die Teile vor dem Spalt könnten sehen und beobachten wie sie, ob sie beobachtet werden. Das wären Füße, höchstens Beinteile, die können nicht sehen. Dies kann vorgestellt werden. Und weiter: Ob das unsichtbare Vorgestellte der anderen Seite sehen kann? Für den Fall der Beobachtung andererseits, kann hiererseits etwas Aufführung vorgestellt werden und das Unsichtbare verführen.
[...]
Ein Spalt. Der Vorhang hängt, nicht abschliessend -hochgespannt. Es ist ein Spalt da zur anderen Seite mächtig, spürbar -hochspannend. Der Spalt Der leere Raum dazwischen ist Luft ist Masse davon die Umkehrung von nichts, jetzt alles. Behauptet sich der Spalt als solcher Spalt, als Existierender, so weiss er nicht, was er als fehlender Stoff, nichtgezeichneter Strich, als Fortführung einer Grenze soll, er weiß nicht was er abgrenzen soll. Durch ihn kann man –doch- hindurchsehen. Zum Spiegel. Vor dem Spiegel, hinter Spiegel. Was , räumlich, ist da, hinter Spiegelbildern, Eine Wand, ein Loch, nichts, der gleiche Raum noch einmal? Der Spiegel ist das Loch in der Wand. Zieht hin, hinein, und wirft zurück. Hin in einen anderen Raum, der scheint derselbe zu sein. Und zurück dann, in demselben. Und sein Glanz, ist er nur Mittel zum Zweck der Blendung? oder ist er das gewisse Etwas, das den Schein vom Sein unterscheidet. Der Spiegel scheint. -Trügerisch? Weil sein Bild schöner sein kann als das, was davor gestellt, sich darin sieht? Scheinheiliger Heiligenschein. Oder scheint der Spiegel nur ein anderes Bild abzugeben, weil er ein dichtes Schild ist, das zwischen Auge und Bild sich befindet? Reicht es den Erscheinungen zu glänzen, zu scheinen? Ihre Transparenz fände dann in der Vorstellung statt. Er glänzt, oberflächlich. Narzissen vergnügen sich -ohne Durchblick- mit dem Rückblick. Diese Reflexion begnügt sie schon- zu genüge.
EntTäuschung
Was ist zu sehen, wenn die vorgehängte Täuschung enttäuscht ? Das Wahre etwa, das sich für das Eigentliche ausgibt? Oder nur anderes als erwartet? Die Täuschung täuscht nicht, wenn sie sich als solche ausgibt. Für die Wahrnehmung nimmt sie keinerlei Verantwortung. Soll die Welt sich -oder alles, was sie will- in sie hineinprojizieren. Sie ist nur nicht auf ein Bild festzumachen, nicht zu greifen und begreifen. Sie jedenfalls verspricht nichts als sich selbst; und das ist viel.
/ Eine Vorstellung -Vor dem Vorhang. Sich vorstellen, sich da,vorstellen. Sich dem stellen. Vor der Vorstellung Vor dem Vorhang vor dem Abgrund wie am Hang Ende des Felsens. Aus der Vorstellung Ich kann sich aus dem vorgestellten Vorhang entwickeln, hinausgehen, aus der Vorstellung raus- gehen, wohin auch immer das draußen ist. Und von da aus den Vorhang sehen, der nicht aufgeht, ausgerechnet. Vorstellung und Vorstellung Vorstellung. Eine zur Kondition gewordene Sicht; sich eine Vorstellung machen, in der Phantasie; Vorstellung. Etwas wird vorgeführt, Ideen umgesetzt, also aufgeführt. >ein Schauspiel.Vorstellung einer Person. Bekanntmachung. Präsentieren. Vorstellung (räumlich) eines Objektes, einer Person vor etwas. Vorstellung. Vor einer Stellungnahme, vor einer Setzung, einer Festlegung. Vor einer Position. Vor-stellen, setzen, legen.
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1/2 Gilles Deleuze: Die Falte, Suhrkamp, S.11 3 Eva Meyer über Pierce in Das Schleierschema, in Faltsache, Stroemfeld-Nexus-Verlag, S. 128 4/5/6 Jean-Paul Sartre: L´idée de phénomène in : L´être et le néant (Das Sein und das Nichts), Éditions Gallimard, S.11. 7/8 Eva Meyer: Faltsache, S.117, S.132 9 Gilles Deleuze, Die Falte, S.13 13 /14 Richard Senett: Die Liebe wird asozial, in Das Abenteuer Liebe- Bestandsaufnahme eines unordentlichen Gefühls, herausgegeben von Kemper und Sonnenschein, Suhrkamp, S.243 15 Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, Edition Tiamat, S.13 16 Michel Foucault: Die Heterotopien, Suhrkamp, S.11 .